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Hier ist eine Wahrheit: Dein Leben wird hart sein und es wird dir schlecht gehen.

Na gut, wahrsagen kann ich nicht.

Aber wie ich es drehe und wende – ich komme immer wieder darauf zurück: Leben ist anstrengend. Wir alle werden leiden – immer wieder!

Ich könnte das unfair finden, ich könnte mich darüber ärgern, ich könnte darüber resignieren. Oder ich kann anerkennen, dass mir diese Gewissheit sehr viel Verantwortung nimmt, die ohnehin nie zu mir gehörte.

Die Problemhaftigkeit des Lebens anzuerkennen, macht mir das Leben leichter.

Denn: Die meisten Jahre habe ich gewartet. Ich war überzeugt davon, dass ich erst wirklich werde leben können, wenn mein Leben frei von Problemen, Schwierigkeiten, Anstrengungen sei.

Dann, ja dann, würde ich endlich das Leben leben, was ich will. Ich hätte so viel Energie, so viel Zeit, da ja alles im Gleichgewicht ist. Ich würde liebevoller mit mir selbst sein, Sport machen, eine neue Sprache lernen, einen Garten anlegen, mein Studium abschließen, mehr reisen und sowieso wäre ich ein besserer Mensch.

Tief in meinem Inneren habe ich wirklich daran geglaubt, dass der Tag kommen wird.

Der Tag, an dem mein Leben im Gleichgewicht ist und nichts, wirklich nichts mehr dieses Gleichgewicht stören wird. Keine Krisen, keine Aufregungen, keine Erschütterungen mehr.

Ich habe auch daran geglaubt, dass ich vor diesem Tag nicht wirklich gut leben kann. Dass ich warten muss, bis dieser Tag gekommen ist, damit ich endlich leben kann.

Wartest du auch, dass dein Leben sich ordnet, damit du endlich leben kannst?

Ich war mir sicher, wenn ich mich nur genug anstrengen würde, wenn ich nur etwas perfekter werden würde, dann könnten ich diesen Zustand der Problemfreiheit, Anstrengungsfreiheit auch wirklich erreichen.

Und obwohl ich mich so sehr anstrengte, wurde ich vom Leben immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert, die so gar nicht in meine Vorstellung davon passten, wie ein Leben ohne Probleme sein würde.

Daraus schloss ich: Ich strenge mich noch nicht genug an.

Wenn es in meiner Hand liegt, ob ich dieses leichte Leben führen würde oder nicht, dann musste es ja mein persönliches Versagen sein, wenn ich es noch nicht kann. Und darum war ich immer wieder ganz schön enttäuscht von mir.

Was ich nicht verstand:

Kein Leben ohne Probleme! Hindernisse, Krisen, Anstrengungen sind im Leben inbegriffen.

Warum ist das so?

Jede*r von uns hat einen individuellen Wohlfühlbereich für alles mögliche. Stimmungen (eigene und fremde), Temperaturen, Schärfegrad vom Essen, Ordnung, Arbeits- und Stressaufkommen, Windgeschwindigkeit, Lautstärke, alles halt. Wenn es zu kalt, zu scharf, zu unordentlich, zu windig wird, fühlen wir uns nicht mehr wohl damit. Den Wohlfühlbereich nenne ich Ordnung, den Unwohlfühlbereich Unordnung.

Vergleicht man nun den Bereich, in dem uns etwas angenehm ist, mit dem Bereich, in dem es uns unangenehm ist, fällt auf, dass der Rahmen für das Angenehme deutlich kleiner ist als der für das Unangenehme.

Ich fasse es gern so zusammen:

Es gibt wenige Arten von Ordnung und viele Arten von Unordnung.

(Das habe ich der Chaostheorie entlehnt. Wer sich für Chaostheorie interessiert, möge hier weiterlesen.)

Nehmen wir meine Lärmempfindlichkeit als Beispiel: Ich mag Ruhe. Ich fühle mich richtig wohl, wenn ich nicht viel hören muss. Es gibt aber unendlich viele Dinge, die meine Wohlfühlruhe stören: Autos, Radios, Gespräche, Sirenen, Baulärm, Straßenmusik, Flugzeuge, Fahrradklingeln, …

Und so ist das mit allem im Leben. Der Wohlfühlbereich ist klein, der Unwohlfühlbereich groß.

Wir haben über viele Dinge wenig Kontrolle. Es gibt so viel mehr Dinge, die unsere innere Ruhe stören, als solche, die unsere innere Ruhe fördern. So ist das halt.

Probleme sind in der Regel nicht persönlich.

Sie kommen nicht zu uns, weil sie ganz speziell uns das Leben schwer machen wollen, sondern weil wir eben so viel mehr Gegebenheiten als problematisch empfinden, als wir unproblematisch finden. Und auch das ist nicht unser persönliches Versagen. Es hat mit der Wohlfühlzone zu tun. Darum ist mein Appell an der Stelle auch nicht: Erweitere deine Wohlfühlzone, entspann‘ dich, denk‘ positiv.

Es ist völlig in Ordnung, wenn du die Dinge, die du problematisch findest, auch weiterhin problematisch findest.

Wenn es einfach wäre, keine Probleme zu haben, hätten wir alle wohl keine mehr. Und auch das Warten auf bessere Zeiten ergibt keinen Sinn, wenn wir anerkennen, dass Probleme zu unserem Leben gehören.

Mein Vorschlag ist: Bereiten wir uns besser auf Krisen und Probleme vor und lernen wir, immer besser mit uns selbst umzugehen. Machen wir uns krisenfest!

Leben wir schon jetzt mit all unseren Problemen!

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