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„Mein Inneres Kind arbeitet nicht mit.“ – Was es bedeutet, wenn du keinen (guten) Kontakt zu deinem Inneren Kind aufbauen kannst.

Du liest von den Methoden, dem Schmerz, dem Gewinn der Inneres-Kind-Arbeit und ja – du bist bereit, du willst das alles. Aber was ist mit deinem Inneren Kind? Warum rührt es sich nicht? Warum zieht es nicht mit?

Ah, oder spürst du manchmal doch was? Das könnte dein Inneres Kind sein, denkst du. Weißt du. Aber warum kommt kein richtiger Kontakt zustande? Warum antwortet es dir nicht, wenn du es ansprichst? Warum entzieht es sich so schnell wieder?

Hast du am Ende doch kein Inneres Kind? Oder bist du nicht dafür gemacht? Oder ist was mit deinem Inneren Kind verkehrt?

Überraschung: Es ist ganz anders.

Wenn du denkst, dass es nicht voran geht: Du bist schon mitten in der Inneres-Kind-Arbeit!

Dein Inneres Kind ist zu jeder Zeit deines Lebens wach und anwesend. Auch wenn du dir dessen nicht bewusst bist. Das hat etwas damit zu tun, wie dein Inneres Kind entstanden ist. Wenn es noch nicht in einen Austausch mit dir kommt, dann entweder, weil es gute Gründe hat zu zögern oder, weil du seine Zeichen nicht wahrnimmst. (Lies‘ dazu auch gern diesen Artikel, in dem ich darüber schreibe, woran du merkst, dass du mit deinem Inneren Kind in Kontakt bist.) Es interessiert sich wenig dafür, wie du dir den Kontakt vorstellst oder wünschst. Und das braucht es auch nicht.

Es steht dir nicht zu, auszusuchen wie dein Inneres Kind in Kontakt mit dir tritt.

Es kann Formen wählen, die sich für dich unangenehm anfühlen oder von denen du meinst, nicht viel mit ihnen anfangen zu können. Es kann sogar Formen genau darum wählen, weil sie für dich unangenehm sind. Dein Inneres Kind ist nicht offensichtlich dankbar dafür, dass du dich ihm zuwenden willst. Es ist möglich, dass es sich sagt: Jetzt erst recht. Jetzt ist endlicher eine*r da, dem ich mal zeigen kann, wie kacke ich das alles hier finde. Du willst mich kennen lernen? Dann lernst du mich jetzt kennen!

Dein Inneres Kind hat bereits alles verloren, was je für es auf dem Spiel stand. Es ist bereits mutterseelenallein. Darum kann es sich nun leisten, sich nicht manipulieren zu lassen durch deine Ideen davon, wie ein angenehmer Kontakt zwischen euch aussehen könnte.

Und es steht dir auch nicht zu auszuwählen, mit welchen Gefühlen es dich konfrontiert.

Vielleicht hast du dir vorgestellt, ein trauriges, sehnsüchtiges Kind wartet nur darauf, liebevoll von dir umsorgt zu werden. Stattdessen bekommst du Misstrauen, Resignation und Schweigen. Langweile und gähnende Leere. Gleichgültigkeit.

Das macht keinen Spaß. Du kamst in friedlicher Absicht und stehst nun einer Mauer der Abwehr gegenüber.

Aber wer sagt, dass Inneres-Kind-Arbeit Spaß macht? Sie kann Spaß machen, irgendwann. Aber ich finde es clever, erst mal den Normalfall anzunehmen:

Der Problemfall ist der Normalfall!

Und dann hast du da dieses Innere Kind, das fordert und wütet, das dich ablehnt und sich vor dir versteckt. Oder eines, das sich totstellt. Und du stehst da mit deinen guten Absichten und bekommst signalisiert: Die kannst du für dich behalten.

Dein Inneres Kind hat gute Gründe, dich abzulehnen.

Die Gründe liegen nicht direkt in dir. Sie liegen in deiner Geschichte, seiner Geschichte. Es hat oft genug erlebt, dass es sich nicht lohnt oder sogar wehtut, in einen ehrlichen Kontakt mit Erwachsenen zu treten. Es hat gelernt, dass es nicht gesehen wird, dass es benutzt wird, dass es nicht ok ist, wie es ist, dass es von Erwachsenen nichts Gutes erwarten braucht. Die Liste ließe sich weit fortsetzen. Egal was es in deinem Fall konkret ist: Dein Inneres Kind hat gute Gründe.

Die Abwehr deines Inneren Kindes heißt nicht, dass es nicht mit dir arbeiten will. Seine Abwehr ist die einzige Form, mit der es zum jetzigen Zeitpunkt mit dir arbeiten kann.

Was es dir aktuell anbietet, egal wie hässlich oder kaum spürbar es auch sein mag, ist alles, was es dir gerade anbieten kann. So und nur so kann es mit dir in Kontakt treten. Auch und gerade dann, wenn du das Gefühl hast, es lehnt dich ab. Egal wie sehr es dich abzustoßen versucht. Es will von dir angenommen werden. So wie es gerade ist. So wütend, so unfair, so still, so undankbar.

Wie du mit der Ablehnung oder Abwesenheit deines Inneren Kindes umgehst, entscheidet über die Qualität eurer Beziehung.

Darum behaupte ich eingangs, du bist schon mitten drin in der Inneres-Kind-Arbeit. Dein Inneres Kind hat viel erlebt. Vor allem vor dem, was so schmerzhaft war, will es sich selbst und dich schützen. Es lehnt dich ab oder reagiert mit Wut auf dich als Erwachsene*n, weil es befürchtet, du könntest ihm (und damit dir selbst), das gleiche antun, was dir von anderen Erwachsenen angetan wurde, als du noch ein Kind warst. Doch egal wie tief sein Misstrauen ist, seine Verachtung: Es hofft darauf, endlich eine*n Erwachsene*n zu treffen, der oder die sein Leid sieht und für es da ist. Darum ist es stets wachsam, wenn du auf die Bühne tritts. Du könntest dieser Mensch sein, der es erlöst.

Dein Inneres Kind beobachtet dich ganz genau und hört dir zu bei jedem Gedanken, den du denkst.

Und darum ist schon jetzt wichtig wie du mit deinem Inneren Kind umgehst.

Erwartest du von ihm, dass es seinen Schmerz schluckt und mitmacht? Strafst du es mit Ablehnung, weil es wütend ist? Ziehst du dich beleidigt oder verwundet zurück, weil es sich nicht auf dich einlassen will?

Oder gehst du in einen ehrlichen Kontakt mit ihm? Lässt es wissen, dass es dir schwer fällt, mit der Ablehnung umzugehen, aber dass du weißt, dass es nicht anders kann? Lässt du es wissen, dass du für immer bei ihm sein wirst und für immer aushalten wirst, dass es dir so sehr misstraut, weil du weißt, dass es Gründe hat?

Nimmst du seine Verletzung vollumfänglich und für immer ernst? Das ist die Arbeit mit dem Inneren Kind.

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