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Warum „Erwachsensein“ nicht die Antwort auf deine Probleme ist.

Irgendwann kommt der Moment, da spürt jede*r von uns einmal: Jetzt bin ich voll im Inneren Kind. Wenn ich jetzt erwachsen auf die Situation blicken könnte, dann würde ich mich nicht so schlecht fühlen. Ich wäre nicht so eine Qual für mich selbst und meine Umgebung. Ich will das nicht. Ich weiß es doch besser. Ich weiß doch, dass ich erwachsen bin und dass das hier gerade Quatsch ist. Es könnte mir jetzt gut gehen. Ich will denken und fühlen wie ein erwachsener Mensch. Ich weiß doch, dass ich jetzt auch wie eine*r Erwachsene*r fühlen könnte… Warum gelingt es mir einfach nicht??

Wer da sagt: „Ich will wie eine*r Erwachsene*r fühlen!“ ist kein erwachsener Anteil…

…sondern ein weiteres, sehr überfordertes Inneres Kind. Ein Inneres Kind, was für den Moment die Fürsorge für ein anderes, ein verletztes Inneres Kind übernommen hat. Weil weit und breit kein Innerer Erwachsener zu finden war, der stattdessen die Führung übernommen hätte. Und einer muss es tun. Irgendein Anteil muss auf das reagieren, was im Inneren passiert. Würde ein erwachsener Anteil sprechen, bräuchte dieser sich nicht wünschen, erwachsen zu sein. Er wäre es ja bereits. An dem Wunsch, endlich erwachsen zu denken, zu fühlen und zu handeln, ist nicht so viel Erwachsenes dran, wie wir meinen.

Solang wir glauben, „Erwachsensein“ heißt, kindliche Gefühle nicht mehr zu fühlen, schaden wir uns selbst.

Wenn wir, bzw. das überforderte Innere Kind, denken: Ich will in dieser Situation denken, fühlen, handeln wie ein Erwachsener und nicht wie ein Kind, erfährt das verletzte Innere Kind wieder Ablehnung. Es ist wieder nicht ok, seine Gefühle dürfen wieder nicht sein. Wieder möchte niemand sich mit diesen Gefühlen auseinandersetzen. Wieder ist es verlassen. Es gerät immer tiefer in Not und macht sich umso heftiger bemerkbar.

Und diese Heftigkeit seiner Not bedroht das ganze System. Kein*e Erwachsene*r ist in Sicht, der oder die das System stabilisieren könnte. Die beste Strategie des fürsorgenden (und überforderten) Inneren Kindes ist es also, noch vehementer darauf zu bestehen, das verletzte Innere Kind möge seinen Ausbruch stoppen. Und das verletzte Innere Kind reagiert noch heftiger. Und das fürsorgende (überforderte) Innere Kind lehnt noch heftiger ab. Und so rutschen alle immer tiefer in die Krise…

Der Wunsch nach „Erwachsensein“ ist eine Strategie um nicht in Kontakt mit dem Inneren Kind zu gehen.

Und was wir weiter für erwachsene Gedanken halten („Ich weiß es doch besser, es muss doch jetzt mal gut sein!“) ist nur ein Trick unseres Verstandes, eine Strategie eines Inneren Kindes, weil wir lieber die schlimmen Gefühle meiden als uns ihnen erwachsen zu stellen. Kindliche Gedanken, Gefühle und Handlungsweisen abzulehnen mit „Ich weiß es doch besser.“, „Das ist mein Inneres Kind (schon wieder).“ usw. ist eben eine mögliche Reaktion und offenbar diejenige Reaktion, die uns am nächsten liegt für den Moment, um auf unsere Gefühle, auf unser Inneres Kind zu reagieren. Es ist nur keine nachhaltige und keine heilsame. Denn:

Innere Kinder haben das Recht, wütend zu reagieren, wenn sie sich angegriffen fühlen. Sie dürfen Angst haben, wenn sie sich überfordert fühlen. Sie dürfen in Not geraten, wenn sie sich verlassen wähnen. Sie sind Kinder, die nach bestem Wissen und nach besten Mitteln versuchen in einer Welt von Erwachsenen zu überleben. Und machen das verdammt gut. Aber sie sehnen sich nach einem Erwachsenen, der endlich das Ruder übernimmt und für sie sorgt.

Wirklich Erwachsensein heißt, dass wir unsere Kindlichkeit zulassen und begleiten.

Wir dürfen da sein, wenn ein Inneres Kind sich meldet. Wir dürfen hinhören, hinfühlen und uns mutig dem Grauen stellen, das unser Inneres Kind erlebt. Das ist freilich beängstigender, als zu sagen: Ach, ein Inneres Kind. Ich wünschte, ich könnte wie ein*r Erwachsene*r denken und fühlen.

Doch jedes Mal, wenn wir in die Ablehnung gehen, wiederholt sich das Trauma, das das Innere Kind erfahren hat: Meine Gefühle sind nicht ok, sie müssen weg, ich darf nicht sein.

Und genau das wollen wir ja nicht. Wir wollen endlich der Erwachsene sein, den wir damals gebraucht hätten. Wir wollen „Ja“ sagen zu dem Kind, das wir waren.

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