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Was ist Inneres-Kind-Arbeit?

Die Inneres-Kind-Arbeit (so wie ich sie kenne und verstehe; es gibt auch andere Auffassungen, die andere Schwerpunkte setzen) ist ein psychotherapeutisches Konzept, das seine Ursprünge wohl irgendwann in den 70er/80er Jahren hatte.

Das Innere Kind symbolisiert einen inneren Anteil, der die Erfahrungen aus der Kindheit „gespeichert“ hat. Die schönen wie die schmerzhaften.

Mit diesen inneren Anteilen wird etwas gemacht, „gearbeitet“, um (Lebens-)Probleme und Themen aufzulösen und die Lebensqualität zu erhöhen.

Dieser Erfahrungsspeicher, den die Therapeut*innen „Inneres Kind“ tauften, ist in dir lebendig. Du kannst dir das so vorstellen, als lebe in dir noch immer das Kind, das du einst warst. Lebendig insofern, als dass es durch dich denkt, fühlt, spricht, handelt. Auch und gerade dann, wenn du dir dessen nicht bewusst bist.

Es können auch mehrere Kinder in dir lebendig sein.
Wie genau es sich anfühlt, ist von Mensch zu Mensch verschieden.
Ich stelle mir das vor wie eine Matrjoschka.

Bei Menschen, die sich weitgehend gesund und unbeschadet entwickeln konnten, macht sich dieses Innere Kind später fast nicht bemerkbar. Genauer gesagt: Dass es sich bemerkbar macht, wird nicht als störend und darum nicht bewusst wahrgenommen, weil es gute Gefühle mit sich bringt, wenn es lebendig ist: Neugier, Verspieltsein, Lebensfreude, Kreativität.

Viele Menschen (mehr als man glaubt) sind nicht so heil aus ihrer Kindheit raus gekommen. Sie haben Formen von Vernachlässigung, Demütigung, psychischer und/oder körperlicher Gewalt erlebt, wurden verlassen, (emotional) missbraucht. Ich nenne es „Formen“, weil jeder Lebensweg anders ist und jeder Mensch Ereignisse unterschiedlich erlebt. Verlassenwerden kann heißen, dass eine wichtige Bezugsperson stirbt, dass die Eltern sich trennen, dass man als Kind täglich einige Stunden sich selbst überlassen wurde oder einmal beim Einkaufen seine Eltern verlor und über den Infoschalter ausgerufen werden musste.

Schlimm ist, was sich schlimm anfühlt – sich das zu merken, lohnt sich für die Arbeit mit dem Inneren Kind.

Schlimmes, was wir als Kinder erfahren, ist sogar dann schlimm, wenn und obwohl die meisten wichtigen Menschen unserer Kindheit (einschließlich der Eltern) ihr Bestes oder zumindest ihr Mögliches gaben.

Kinder gehen davon aus, dass alles, was die Erwachsenen (und ganz besonders ihre Bezugspersonen!) tun, richtig so ist. Normal ist.

Auch viele Erwachsene denken noch, dass das, was ihre Eltern taten, normal war. Auch dann, wenn sie unter diesem Verhalten sehr gelitten haben.

So kommen Aussagen zustande wie: „Eine Ohrfeige hin und wieder ist in Ordnung. Hat mir auch nicht geschadet.“

Es ist tief in uns verankert, was wir in den ersten Jahren unseres Lebens erleben. Es fällt uns sehr schwer, die Muster und Strukturen zu hinterfragen, in die wir hinein geboren wurden.

Für diese Schwierigkeit sorgt unter anderem ein Mechanismus, der vielen Kindern das Leben rettet:

Jedem Kind ist ein zentrales, alles bestimmendes Motiv mit auf die Welt gegeben: Wachsen.
Jede Faser des Kindes strebt unaufhaltsam nach Entwicklung, Entfaltung, größtmöglicher Unabhängigkeit.
Wie widrig die Umstände auch sein mögen, es kann nicht anders. Es. muss. wachsen.

Ein Kind, dem Leid zugefügt wird, ein Leid, was es noch nicht allein bewältigen kann und das kein Erwachsener wahr- und/oder ernst nimmt, ein Kind, das keine Hilfe bei der Bewältigung des Leids bekommt, muss die damit einhergehenden Gefühle weg drängen. Es muss. Ein schwer auszuhaltendes Gefühl, was ständig da ist, weil es nicht bewältigt wird, stünde der Entfaltung im Weg. Darum wird es abgespalten. Es wird nach weiter innen verdrängt. So steht es der Entwicklung anderer Anteile des Kindes nicht mehr so sehr im Wege.

Mit jedem Gefühl, das auf diese Weise abgespalten wird, entsteht ein Inneres Kind.

In diesem Inneren Kind, der ersten kleinen Puppen der Matrjoschka, wird das Gefühl inklusive aller Eindrücke, Gedanken und Umstände der Situation oder Lebensphase festgehalten. Wie eine Fotografie oder Filmaufnahme.

Wie praktisch – könntest du denken. – Dann hat es mit mir ja nichts mehr zu tun, so gut verschlossen.

Schön wär’s. Kommen wir zurück zum Anfang des Artikels. Innere Kinder wirken in unsere Leben hinein. Sie verhalten sich äußerst lebendig, auch dann, wenn sie vor 50 Jahren entstanden sind.

Zeichen dafür, dass ein aktuell nicht glückliches Inneres Kind in dir aktiv ist (nicht alles muss auf dich zutreffen und vollständig ist die Aufzählung auch nicht):

  • Bestimmte Situationen wecken in dir immer wieder starke, unangenehme Gefühle und andere Menschen finden deine Reaktion etwas übertrieben oder verstehen sie so gar nicht.
  • Du findest dich immer wieder in ähnlichen Situationen wieder, zum Beispiel wirst immer du von deinen Kunden schlecht behandelt oder immer wieder findest du dich in auf ähnliche Art schwierigen Partnerschaften wieder.
  • Dich überkommen emotionale Zustände, die du dir selbst schlecht erklären kannst, in denen es dir nicht gut geht und aus denen du nur sehr langsam und mühevoll wieder herausfindest.

Hast du dich wiedererkannt? Warum macht es dir das Innere Kind nur so schwer?

Es weiß noch ganz ganz genau, wie schlimm es sich damals fühlte. Es hat ja alles aufgehoben, die komplette Situation inklusive aller Gedanken, Gefühle und Eindrücke. Und es hat es sich zur Aufgabe gemacht, dass du so etwas wie damals NIE wieder durchmachen sollst. Nie wieder!!

Das ist sehr ehrenwert, hat aber einen Haken: Dein Inneres Kind ist so alt, wie es damals war, als es entstanden ist. Wenn du vier warst, als du ein Gefühl abgespalten hast, dann ist dein Inneres Kind jetzt auch vier und versucht dich mit den Strategien eines Vierjährigen vor einem Wiedererleben der schlimmen Situation zu schützen.

Der Alltag eines Erwachsenen bietet allerlei Anlass zur Sorge für dein Inneres Kind: Die eigenen Kinder brüllen, die Partnerin verlässt einen, die Kollegen tuscheln, an der Kasse drängelt sich jemand vor, ….

Alltägliche Situationen können dein Inneres Kind an „damals“ erinnern und in ein emotionales Chaos stürzen.

Es reißt das Ruder an sich und steuert deinen erwachsenen Körper. Du hörst dich dann „Ja“ sagen, obwohl du „Nein“ meinst, siehst dich einen Auftrag annehmen, von dem du schon jetzt genau weißt, dass er dich an deine Grenze bringen wird, schlägst dein Kind, brüllst deinen Nachbarn an, bekommst einen Heulkrampf vor deinen Kolleg*innen…

Dein Inneres Kind will dich schützen davor, dass du das von damals noch mal erleben musst und lässt dich Dinge tun, die dir offensichtlich trotzdem nicht gut tun. Weil es das nicht besser kann. Es ist ja noch klein. (Spannend ist, dass es häufig genau diese kindlichen Strategien sind, die dich am Ende das wiedererleben lassen, was dein Inneres Kind so sehr fürchtet.)

Im Inneren Kind ist eine enorme Energie gespeichert. Und die ist kombiniert mit hilflosen, kindlichen Taktiken. Du als Erwachsener hast vielleicht schon gelernt, dass es dir nicht gut tut, wenn du immer „Ja“ sagst oder dein eigenes Kind schlägst oder dass es egal ist, was andere denken. Dein Inneres Kind hat aber keinen Zugriff auf deine erwachsenen Erfahrungen und Gedanken. Es bedient sich ganz kindlicher Mittel. Und hat dabei die zerstörerische Kraft eines Erwachsenen.

Und nun die gute Nachricht:

Du als erwachsene Frau oder erwachsener Mann kannst dir und deinem Inneren Kind helfen.

Dein Inneres Kind braucht dich, damit du ihm zeigst, wie die Welt wirklich ist. Es braucht dich, damit du es siehst, tröstest, ihm hilfst, seine Wut in gesunde Bahnen zu lenken. Es braucht dich, damit du euch beiden ein Leben schaffst, in dem ihr euch beide wohlfühlt.

Und wie das geht, genau das ist Inhalt der Arbeit mit dem Inneren Kind.

Wenn du einsteigst und eigene Erfahrungen machst, wirst du sehen, dass meine Erklärungen auch an vielen Stellen hinken. Du wirst mich vielleicht dabei erwischen, wie ich manchem Detail in einem anderen Artikel widerspreche. Das „Innere Kind“ ist ein emotionales und vielschichtiges Konstrukt. Ich versuche es mit Bildern und Vergleichen zu beschreiben und das ist immer etwas ungenau. Was das Innere Kind ist und vor allem, wer dein Inneres Kind ist, kannst du zum Schluss sowieso nur selbst erleben.

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