Artikel
0 Kommentare

Was tun, wenn die Emotionen hochkochen?

Wenn wir im Kontakt mit anderen emotional werden, versuchen wir oft, unsere Gefühle irgendwie beim Gegenüber zu lassen: Wir schmollen, beschuldigen, ignorieren, diskutieren – Hauptsache, irgendwie raus damit in unserer Hilflosigkeit. Auf diese Weise übernehmen wir keine Verantwortung für unsere Gefühle – weil wir es auch meistens gar nicht gelernt haben. Das ist schade, weil wir damit nicht nur viel länger brauchen, um Konflikte zu lösen, wir lösen sie auch nicht nachhaltig. Dann erleben wir die selben Themen wieder und wieder oder leiden unter der immer selben destruktiven Art zu streiten. Was vielleicht noch tragischer ist: Wir schaffen es so nicht, uns und die andere Person wirklich zu sehen, wirklich ernstzunehmen. Wir entfremden uns.

Was wir tun können um in Konflikten verantwortungsvoller zu handeln:

1) Abstand zur anderen Person schaffen.

Vielleicht fühlt es sich so an, als müssten wir jetzt sofort mit dem anderen Menschen was klären. Ist aber oft Quatsch. Wir dürfen erst selbst herausfinden, was los ist. Vielleicht denken wir, wir sind wütend, weil er:sie xy gemacht hat. Oft steckt aber viel mehr dahinter. Und diesem “Mehr” dürfen wir auf den Grund gehen. Ich lasse die andere Person immer wissen, dass ich Zeit für mich brauche, um meine Gefühle zu sortieren und mich melde, wenn ich mehr weiß. (Sie soll nicht denken, mein Schweigen sei eine “Strafe”.)

2) Das Gefühl zulassen und fühlen.

Wir sind geübt, unsere Gefühle mit dem Verstand zu erfassen: Wir analysieren, diskutieren, verurteilen oder verteidigen sie und halten uns an der Schuldfrage auf. Am Ende läuft es darauf hinaus:

Hat mein Gefühl Recht, liegst du falsch und musst dein Verhalten ändern. Hat mein Gefühl Unrecht, liege ich falsch und muss mein Verhalten ändern.

Egal zu wessen “Gunsten” dann entschieden wird – beide verlieren, weil niemand sich selbst oder die andere Person wirklich wahr- und ernst nimmt. Wir schaffen damit Trennung von uns selbst, Trennung von der anderen Person. Oft genau das Gegenteil dessen, was wir eigentlich wollen.

Wenn ich mir selbst nah sein will (und damit auch der anderen Person), darf ich mich mir selbst zuwenden. Ich darf meine Gefühle zulassen und fühlen.

3) Bedürfnisse formulieren.

Wenn wir unsere Gefühle wirklich fühlen, holen wir einen Teil von uns zurück, den wir andernfalls abgespaltet hätten oder schon abgespaltet haben. Wenn wir sie zu uns zurück holen, stellen sich Klarheit und Ruhe ein. Der Konflikt und die damit verbundenen Gefühle sind dann nicht weg, sondern wir erleben sie als zu uns gehörig. Aus dieser Position heraus kommen wir in Kontakt mit unseren Bedürfnissen. Und da wollen wir hin. Wenn wir wissen, welche Bedürfnisse gerade nicht erfüllt sind, können wir anders auf den Konflikt blicken:

Geht es wirklich darum, dass meine Freundin sich nicht ausreichend bei mir meldet? Oder geht eher es um mein großes Bedürfnis nach Verlässlichkeit, Berechenbarkeit?

Geht es wirklich darum, dass mein Freund nicht mit anderen Frauen in Kontakt sein soll? Oder geht es eher um mein Bedürfnis, mich wichtig und wertvoll in der Beziehung zu fühlen?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Erleichterung schon dann einstellt, wenn wir in Kontakt mit unserem Bedürfnis sind. Das heißt, wenn wir es als Teil von uns wahrnehmen und auch fühlen können, wie traurig, wütend, ängstlich uns dessen Nicht-Erfüllung macht. Nicht jedes Bedürfnis wird (vollständig) erfüllbar sein. Schon gar nicht innerhalb einer Beziehung.

Wir können diese Tragik unserer Beziehungen als etwas sehr Trennendes erleben. Wir können uns auch über sie verbinden: Mein Gegenüber und ich, wir beide leiden darunter, dass der jeweils andere Mensch nicht alle Bedürfnisse (vollständig) erfüllen kann. Da ist der kleinste gemeinsame Nenner. Wir können der Trauer, Wut und Angst über die Nicht-Erfüllung unserer Bedürfnisse einen Raum innerhalb unserer Beziehung zu geben.

Und natürlich können wir versuchen, uns der Erfüllung unserer Bedürfnisse anzunähern:

4) Strategien mit dem:der anderen besprechen.

Wenn ich weiß, welche Bedürfnisse ich habe und wenn ich mir dessen bewusst bin, dass mein Gegenüber sie eventuell nicht in dem Ausmaß erfüllen kann, das ich mir wünsche, kann ich ganz anders auf die andere Person zugehen:

Ich muss mich dann nicht mehr darum streiten, ob der andere Mensch sich oft genug meldet oder nicht. Ich kann von meinem Bedürfnis nach Verlässlichkeit, Berechenbarkeit erzählen. Davon, wie unsicher es mich macht, wenn ich nicht regelmäßig Nachrichten bekomme. Und vor allem kann ich der anderen Person sagen, dass ich verstehe, dass es für sie vielleicht nicht die richtige Strategie ist, mehr zu schreiben. Wenn sie es doch einfach nicht mag. Aber vielleicht lässt sich eine andere Strategie finden. Rituale zum Beispiel. Telefonate. Wer weiß.

Wir können unseren Fokus auf Bedürfnisse legen und aufhören, auf bestimmte Strategien zu deren Erfüllung zu bestehen. So erarbeiten wir Lösungen, mit denen es allen Beteiligten besser geht.

Ich wünsche dir, dass du deine Bedürfnisse immer besser kennen und schätzen lernst!

Deine Nathalie

PS: Ein tolles Buch zum Thema Gefühle, Bedürfnisse und Strategien ist “Praktische Selbstempathie” von Gerlinde R. Fritsch. (Anzeige) *

Die mit (*) gekennzeichnete Anzeige ist ein Provisions-Link. Wenn du etwas über den Klick auf diesen Link einkaufst (in der Regel wird dich ein solcher Link zu Amazon führen), bekomme ich eine Provision. Für dich ändert sich der Preis nicht.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.