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Was, wenn ich mich (noch) nicht selbst lieben kann?

Wir nehmen das Konzept der „Selbstliebe“ zu wichtig. Wir müssen uns nicht erst selbst lieben, um uns gut um uns selbst zu kümmern. Wir dürfen uns gut um uns selbst kümmern, um uns dann auch selbst zu lieben.

Selbstliebe ist schwer. Wir verbringen 24/7 mit uns selbst, wir bekommen jeden kleingeistigen Gedanken mit, jedes hässliche Gefühl, wir kennen jede Pore und jedes verirrtwachsende Haar. Und dann noch die ganzen Kindheitsdinge, die uns geprägt haben und uns zusätzlich schwer machen, uns selbst gegenüber liebevolle Gefühle zu haben.

Ehe wir darüber reden, uns selbst lieben zu lernen, dürfen wir wohl über Gnade, Nachsicht, Anstand, Höflichkeit und Mitgefühl reden angesichts unserer gravierenden Unzulänglichkeiten und Lasten.

Die Sache ist: Jede:r von uns ist völlig fehlbar und unzureichend. Anders als mit uns selbst, gehen wir mit den meisten anderen Menschen trotzdem wertschätzend um. Wir tolerieren ihre Fehler, wir rücken ihre Missgeschicke wieder ins rechte Licht, machen ihnen kleine Freuden, bemühen uns sogar dann noch um Höflichkeit und Anstand, wenn wir den anderen gar nicht mögen.

Was uns selbst angeht verhalten wir uns ganz anders: Hier erheben wir die Liebe zum Maßstab: Ich habe es nur in dem Maße verdient mich gut zu behandeln, in dem ich mich auch selbst lieben kann. Noch finde ich mich selbst scheiße, also behandle ich mich auch scheiße. Hab’s ja nicht besser verdient.

Wir erheben die Selbstliebe, dieses vage, störanfällige Gefühl zum Maßstab! Wie absurd ist das denn!? Sollte der Maßstab nicht viel eher der sein, den wir auch an alle anderen anlegen?

Wir sind Menschen. Wir sind fehlbar, wir sind verletzlich, wir sind unwissend. Wir bemühen uns, wir können lieben, wir können lernen. Wir fühlen. Wir leiden. Sollte das nicht reichen, damit wir uns um Anstand, Höflichkeit, Respekt, Nachsicht, Mitgefühl mit uns selbst bemühen? So wie wir es für jeden anderen Menschen auch tun?

Ich wünsche dir, dass du dich gut um dich selbst kümmerst, auch wenn dir vielleicht gar nicht danach ist.

Deine Nathalie.

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